
Herbst
Foto: Claire Guerrier / Text: Oliver Lüdi
Falls es so etwas wie ein Jahreszeiten-Ranking gäbe (bestimmt gibt’s das), dann wäre der Herbst womöglich ganz hinten. Der Herbst, und nicht der Winter, weil letzterer nämlich auf einige Ski- und Schneekanonen zählen kann und zudem dem quicklebendigen, allseits sehr beliebten Frühling vorangeht (bzw. von eben dem abgelöst wird), der wiederum den Sommer einläutet, und der Sommer, ein richtiger Sommer, läuft sowieso ausser Konkurrenz.
Das Problem des an sich sympathischen Herbstes ist, dass er das Ende des Sommers markiert, auch wenn er, der Herbst, sich zu Beginn noch tüchtig ins Zeug legen mag, uns einen Spätsommer vorgaukelnd (der in Wahrheit ein Frühherbst ist). Zudem kündigt der Herbst, mit kürzeren und spürbar kühleren Tagen, den vielleicht doch nicht so beliebten Winter an, oder geht ab November langsam in ihn über, das heisst, von Nebel, Regen und Zeitumstellung in Schneeregen, Eis und Weihnachten.
Trotzdem erntet merkwürdig einhellige Zustimmung, wer behauptet, der Herbst sei schön, vielleicht sogar am schönsten. Und das hängt wohl mit dem Farb- und Lichtspektakel zusammen, das er die ersten Wochen veranstaltet, und mit Herbstwinden, Holzfeuern und Kindheitserinnerungen, mit Hülle und Fülle (da Ernte) und Kürbissuppe; aber halt auch mit Nebel, Grau und Abschied, mit Tod, Trauer und Allerseelen – kurzum, mit starken Stimmungen. Weshalb der Herbst seit jeher Dichtern gerade recht kam. Auch dem Rilke, Rainer M., und wenn es ein Herbstgedichte-Ranking gäbe, …


















