
Pathos
Foto: Claire Guerrier | Text: Oliver Lüdi
Wann hätte man je erlebt, dass statt des Morgens üblichen «Tschüs, Schatz» und «Mach’s gut» ein anderer Text aufgesagt würde, etwa: «Gesegnet sei dein Tag, mein Herz, und möge all dein Tun von der Sonne des Erfolgs überstrahlt werden.», nebst: «Oh lass mich schlürfen noch vom süssen Seim deines Honigmelonenmundes!». Worauf sich im Vorgarten der schmucken Doppelhaushälfte eine Kussszene abspielen würde, dass den Nachbarn Hören, Sehen und Atmen verginge.
Schon klar, so viel Pathos ist selten. Umso mehr lohnt es sich, auf all die kleinen Gelegenheiten achtzugeben, wenn es sich im Alltagsleben breitmacht, und das weiss Gott nicht nur im Haus der Kunst, wo das schwer Erhabene, wo grosse Gesten und pralle Pracht – zumal in ihren Paradedisziplinen Theater, Oper, Film und Popmusik, aber auch in Architektur, Rhetorik und Literatur – wo Pathos gerne wohnt.
Gerade unsere Sprache pflegt doch immer wieder eine auffällige Nähe zum Pathos. Kurzes Beispiel: Es war bei einem Motorradhändler, wo sich ein in die Jahre gekommener Experte vor Publikum als solcher zu erkennen gab. Seine von allerhand technischem und anekdotischem Material durchsetzte Rede gipfelte in dem Satz: «Ich habe meine Hand für BMW ins Feuer gelegt.» Dabei sah der Mann tatsächlich einen Moment lang versonnen auf seine Rechte, um nach dieser gut gesetzten Kunstpause so bedeutungsschwanger wie feierlich, jedes einzelne Wort betonend, zu raunen: «Und ich hab sie verbrannt.»
Pathos pur, kann man da nur sagen, das pur kann man auch weglassen.


















