
Proportionen
Foto: Claire Guerrier | Text: Oliver Lüdi
Wir alle tun’s, täglich, wir alle haben nämlich so ein Gefühl für Ausgewogenheit. Und weil wir dieses Gefühl haben (das Gott weiss woher kommt), weil jede und jeder zu wissen glaubt, was ausgewogen und schlicht schön ist, tun wir’s andauernd, allermeist reflexartig: wir beurteilen.
Diese Fussgängerzone ist eine Zone, die einen sofort elend stimmt (‹Zone› klingt da doch passend). In jenem Haus möchte man um keinen Preis wohnen, in dem daneben hingegen schon. Der dort an der Haltestelle, der Dicke, wie kann der mit seinen Wurstfingern eine SMS schreiben! Aber sein Smartphone, das ist zum Streicheln schön. Dieses Gesicht ist makellos, das andere weniger. Und das Bild da ist gelungen. Auf jenem aber – und da kann es noch so lange im Museum hängen – da ist zu viel drauf (oder zu wenig), und das Viele (oder Wenige) ist schlecht verteilt.
Woher man das weiss? Man weiss es eben, man hat so ein Gefühl, wahrscheinlich sitzt es im Bauch. Vielleicht hat man ja früher, als Kind schon, ein paar Zahlenverhältnisse gelöffelt (2:1, 3:2, 4:3 usw. nebst 183-113-70-43-27 oder auch 90-60-90 bzw. 100-80-100), hat sich mit Symmetrien vollgestopft (wahlweise auch mit Asymmetrien) oder den goldenen Schnitt weggeputzt. Bestimmt war es so.
PS Täuscht es, oder ist 90-60-90 (Brust-, Taille-, Hüftumfang) als Modellmass für Frauen etwas aus der Mode gekommen? Wahrscheinlich für den Laufsteg (da ca. Kleidergrösse 38) zu kurvig …
PPS 100-80-100 bei 1.85 m: das Mass für echte Männer!


















