
Rüstungen
Foto: Claire Guerrier | Text: Oliver Lüdi
Auch wenn es daheim noch so gemütlich ist, irgendwann muss man runter vom Sofa, raus aus der Wohlfühlblase, muss sich der Realität draussen stellen. Wo bekanntlich nur die Stärksten bestehen, und das, weil sie gut gerüstet sind.
So jedenfalls hat es den Anschein. Lehrt doch die tägliche Erfahrung, dass eigentlich alle in der Aussenwelt eine Art Rüstung tragen oder zumindest gewisse Schutz- und Vorbereitungsmassnahmen treffen. Durch die Mitnahme von Smartcard, -phone und -watch sowie (vorläufig noch) der Geldbörse, nebst einem Regenschirm, Kräuterbonbons und was man sonst noch draussen für unentbehrlich hält.
Die eigentliche Rüstung aber zielt zuvorderst aufs Äusserliche und betrifft Körper, Kleidung und Kosmetik, wobei letztere, so zeigt tägliche Beobachtung, grosszügig in Antlitz und Kopfhaar verteilt werden muss, um dort sicht- und riechbar ihre spezifische Wirkung zu entfalten. Sodann schützen aber auch innere Werte, etwa wenn wir mit Entschlossenheit, Tatkraft und im Bewusstsein stets im Recht zu sein die Strasse betreten (und leider auch befahren), eine Haltung, die wiederum aufs Äusserliche zurückwirkt und Mienen voller Härte und Grimm erzeugt.
Das Schönste daran ist genau der Augenblick, wenn die Rüstung durch ein Wort, einen Blick, ein Missgeschick, durch das Lächeln eines Kindes oder ein stummes Einvernehmen unter Fremden – wenn die Rüstung kurz verrutscht, das Visier für einen Moment hochklappt und, siehe da, ein Mensch zum Vorschein kommt, einer wie du und ich.


















