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EinsiedlerFoto: Claire Guerrier | Text: Oliver Lüdi Wer sich früher zum Einsiedler berufen fühlte, ging in die Wüste, stellte sich auf eine Säule oder begab sich in eine Höhle, um an diesen Orten (notabene unter widrigsten äusseren Bedingungen) mit Dämonen zu ringen, Gott zu loben oder auch nur seine Ruhe zu haben. Heutzutage allerdings sind die Wüsten von Andenkenverkäufern bevölkert, Säulenheilige womöglich auf YouTube zu finden, und in Höhlen, na ja, da tummeln sich Höhlenforscher. Was läge da näher, als die Einsiedlerei von vornherein unter Menschen auszuüben, in einer Stadt, unter Tausenden von Seinesgleichen? Tatsächlich lässt sich doch kaum wo so gut allein sein wie in einer Stadt. Was nun aber nicht heisst, dass man damit automatisch Einsiedler wäre. Nein, da müsste jemand schon planmässig Menschen meiden, auf so gut wie alles verzichten und sich in ein Korsett von alltäglichen, sehr einsamen Verrichtungen zwängen … um sich sodann evtl. Urban Hermit nennen zu dürfen (siehe auch Urban Exploring, Urban Mining, Urban Gardening und anderes Urban-Quatsch-Speaking). Im 18. und 19. Jahrhundert waren sogenannte Zier-Eremiten (Ornamental Hermits) auf der Höhe ihrer Zeit. Dabei handelte es sich um Einsiedler, die per Stelleninserat von Gutsbesitzern gesucht wurden, um in ausgedehnten Landschaftsparks eine Klause zu beziehen und von Spaziergängern begafft zu werden. Im Grunde kaum anders als heutzutage, wo Eremiten (inzwischen kommunikativ versierte Eremiten) weiterhin per Inserat gesucht werden und ihre liebe Mühe mit Besuchern haben. |



















