
Dilemma
Foto: Claire Guerrier | Text: Oliver Lüdi
Es sind die vielen Kleinigkeiten, die im Leben wirklich zählen, und gar nicht so sehr der eine, grosse Filmmoment, der an der Wegscheide, wo es vermeintlich um alles geht.
So denkt ein Mensch auf dem WC (einem der besten Orte zum Nachdenken, übrigens auch zum Lesen, was jedoch, weiss der Mensch, gerade dort hochriskant sein kann), denkt also so vor sich hin (denn was ein Mensch ist, das muss denken) … bis sein Blick auf das letzte Blatt fällt.
Und eine Stimme beginnt zu sprechen, die des Vaters, des Menschenvaters, der mit Donnerstimme Gemeinsinn und Rücksichtnahme preist, aber all jene anklagt (in Wahrheit setzt erst hier die Donnerstimme ein), die nur an sich selbst denken und verdammt noch mal ein letztes Blatt zur Täuschung und Tarnung in der Halterung lassen, einzig um nicht die Rolle wechseln zu müssen. Doch der Herr werde in seinem Grimm über sie kommen und Gericht halten, und das Heulen und Wehklagen werde gross sein unter den Menschenkindern!
So denkt der Mensch und sagt sich, dass er ein armer Mensch ist. Entweder er lässt das letzte Blatt dort, wo es ist (und überlässt dem Nächsten den Rollenwechsel), oder er nimmt es und putzt damit die Brille oder sonst was, könnte danach aber nicht so tun, als habe er die nackte Rolle nicht bemerkt, müsste also eine neue einhängen (oder auch nicht) und wird nie wirklich wissen, ob er das aus Gemeinsinn oder Eigennutz tat (oder nicht tat), aus einer alten Angst vor Strafe oder weil er echt gut ist.
«Ach, scheiss drauf», sagt der Mensch und spült.


















