|
OrientierungFoto: Claire Guerrier | Text: Oliver Lüdi Im Vergleich zu Rauchschwalben, die nach Tausenden von Kilometern ihre Nist- und Brutplätze wiederfinden, ist unser Orientierungssinn doch eher unterentwickelt, bei manchen, beispielsweise mir, nahezu inexistent. Umso grösser die Wertschätzung für Wegweiser, besonders im Ausland, wo ein ‹stazione›-Schild nach ewig langen Irr- und Kreisfahrten zu Erleichterung und Dankbarkeit bei allen führt, nicht zuletzt beim Fahrzeuglenker. So geschehen diesen Sommer in Orvieto, wo ich mich anerboten hatte, zwei Landsleute ‹mal schnell› zum Bahnhof zu fahren, an einen Ort wohlgemerkt, wo ich schon gut zehnmal war. Während sich nun aber Rauchschwalben am Erdmagnetfeld, an Sonne, Sternen, Gewässern und sogar Autobahnen orientieren, basiert mein Orientierungssinn hauptsächlich auf der Überzeugung, keine Pläne, Karten oder andere Navigationssysteme zu benötigen und schon irgendwie dahin zu finden, wo ich hin will. Was, ich deutete es schon an, oft schiefgeht. Wie manche Schwächen hat aber auch diese ihr Gutes. Man entdeckt erstens immer wieder Neues und entsinnt sich zweitens ganz ordentlich jener Touren in der Natur, in Grossgebäuden oder auch nur Gaststätten (mit schwer auffindbaren Toiletten), wo man grandios in die Irre ging, vielleicht einer Abkürzung wegen (merke: gerade Orientierungssinngeschädigte haben ein Faible für Abkürzungen), und ist drittens weit mehr und länger unterwegs (Bewegung! Fitness!), als ein mit oder ohne Navi zuverlässig sein Ziel erreichender Langweiler. |



















