
Huren, Heilige, Hochstapler und Heroen
Dagmar Brunner
Der Verein Frauenstadtrundgang feiert
sein Jubiläum mit Idealbildern
Sie waren auf unterschiedliche Weise religiös, mehrfach verheiratet und äusserst tatkräftig. Vier Jahrhunderte liegen zwischen Wibrandis Rosenblatt (1504–1564) und Adrienne von Speyr (1902–1967). Reformiert die Ältere, katholisch die Jüngere, verkörperten beide zu ihrer Zeit Ideale, Rosenblatt als robuste Pfarrfrau, die Ärztin von Speyr als Mystikerin und Kämpferin für eine Erneuerung der Kirche.
Ihre Männer – u.a. der Reformator Johann Oekolampad und der Historiker Werner Kaegi – sind heute freilich bekannter als sie selbst. (Immerhin gibt es in Basel die Alterssiedlung Wibrandishaus.) Mit dem neuen, von angehenden und promovierten Wissenschaftlerinnen verschiedener Fachrichtungen erarbeiteten Stadtrundgang, mag sich das ändern. Dieser widmet sich Persönlichkeiten der Basler Geschichte, die manchen als Traumfrauen und -männer galten, weil sie Werte, Wünsche und (ambivalente) Sehnsüchte der Gesellschaft vertraten.
Ergänzende Bilder
Zu den ganz unterschiedlichen Männerbiografien aus verschiedenen Epochen gehören etwa der Künstler Urs Graf der Ältere (1485–1528), der Graf Cagliostro (1743–1795), der Maler Arnold Böcklin (1827–1901), der Modeschöpfer Fred Spillmann (1915–1986), der Fussballer Josef Hügi (1930–1995) sowie weitere Eidgenossen. Bis heute stehen sie für Abenteuerlust, Heldenmut und Opferbereitschaft, Überzeugungskraft, Potenz und Prominenz. Ob und wie sich diese Vorstellungen verändert haben und was gegenwärtig unsere Wunschträume und ‹Objekte des Begehrens› sind, das soll am Schluss der Führung beleuchtet werden.
Mit dem neuen Rundgang feiert der Verein Frauenstadt-rundgang sein 25-jähriges Bestehen. In dieser Zeit wurden über 40 Touren erarbeitet, 11 werden aktuell angeboten, zwei davon auch in englischer Sprache; zudem erschienen 11 Publikationen. 25 Aktiv-Frauen engagieren sich im Verein, der mehrfach prämiert wurde und von rund 220 Mitgliedern getragen wird. Die Rundgänge können auch für private Anlässe gebucht werden. Mit ihrer spezifischen Optik aus der Geschlechterforschung ergänzen und korrigieren sie anschaulich und unterhaltsam die gängigen Geschichtsbilder.
Rundgang ‹Objekte des Begehrens. Traumfrauen und Traummänner der Basler Geschichte›: Sa 16.8., 14 h (Premiere), So 7.9., 14 h; Mi 1.10., 18 h; Sa 25.10., 14 h sowie auf Anfrage, www.frauenstadtrundgang-basel.ch. Ein Jubiläumsanlass ist im Herbst geplant.
Ausserdem: Neue Dauerausstellung ‹Jungfrau. Mutter. Lustobjekt. Frauenbilder im antiken Griechenland›: seit Mai, Skulpturhalle Basel
ProgrammZeitung 7-8/2014, S. 19

















