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Sowie zahlreiche weitere
anonyme Spenderinnen und Spender

 

‹Mystery Magnet›, miet Warlop & Campo, Foto: Reinout Hiel

 

Die Welt im Spiegel der Performance
Ingo Starz

Das Theaterfestival Basel lotet das Spektrum der Bühnenkunst aus

Vor zwei Jahren stellten die Kaserne Basel und das Theater Roxy nach mehrjähriger Pause wieder ein internationales Theaterfestival auf die Beine. Für zwölf Tage trafen sich Theaterbegeisterte aus nah und fern an verschiedenen Spielorten und genossen die Vielfalt an Theaterformen. Die bevorstehende Ausgabe verspricht wiederum eine theatrale Reise um die Welt. KünstlerInnen und Gruppen aus Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Iran, Kanada, den Philippinen, Slowenien und Ungarn bieten eine verlockende Fülle an Ästhetiken und Stoffen. Dem Festivalteam um Carena Schlewitt ist es wichtig, dass das Programm unterschiedliche Publikumsschichten anzusprechen vermag. So fordern gleich zwei Produktionen zum Mitmachen und Nachdenken über die Stadt auf.

Das Herz des Theaterfestivals wird auch in diesem Jahr auf dem Kasernengelände schlagen, wo ein zusätzliches kulinarisches Angebot zum Verweilen einlädt. Neben den Aufführungen werden Filmscreenings und Gespräche reichlich zum Austausch anregen, und auch das Ambiente des Orts wird zu besonderen Begegnungen beitragen. Die Erfahrung zeigt, dass man bei einem Bier auf der Kasernenwiese leicht mit Theaterleuten und andern Gästen ins Gespräch kommt. Eine Ticketaktion bis 4. Juli gewährt zudem Karten zu Vorzugspreisen – da sollte man rasch zugreifen!

Stimmen und Bewegung
Eröffnet wird das Festival mit dem ungewöhnlichen Musiktheater-Projekt ‹When The Mountains Changed Its Clothing›. Der Komponist und Regisseur Heiner Goebbels hat es mit dem 40-köpfigen Mädchenchor Vocal Theatre Carmina Slovenica erarbeitet. Die jungen Sloweninnen folgen in Gesang und Spiel den Jahreszeiten, erzählen aber ebenso vom Ende der Kindheit und einer Region, deren jüngere Geschichte bedrückende Verwerfungen aufweist. Das musikalische Spektrum reicht von Partisanenliedern über Popsongs bis hin zu Kompositionen von Goebbels und bildet die Grundlage für eine energiegeladende Performance der Mädchen. «Eben noch wirbelten sie tobend über die grosse Szene, im nächsten Augenblick schon sitzen sie korrekt auf zwei strengen Stuhlreihen. So entsteht Dramatik allein schon aus den Bewegungsabläufen.» (FAZ)

Das ‹ReiseBüro› des Trios Boijeot/Renauld/Turon macht Basel zum Urlaubsort für Einheimische. Während der zwölf Festivaltage wird das Kollektiv mit Wohnungsmobiliar durch die Stadt ziehen und dieses immer wieder neu platzieren. Entlang dieses Parcours sind die PassantInnen zu Begegnungen eingeladen: zum Kaffeeplausch mit KünstlerInen und Festivalgästen oder dem gemeinsamen Schlafen unter freiem Himmel. Der Clou dabei ist, dass das Publikum für 24 Stunden eine Strassenwohnungsein-richtung (Bett, Tisch, Stühle) buchen und also mitreisen kann.

Pleiten, Pech und Pannen beherrschen die Performance ‹Mystery Magnet› von Miet Warlop. Und das ist so gewollt wie vergnüglich. Die weisse Wand auf der Bühne scheint Menschen und Dinge wie ein Magnet anzuziehen und löst allerlei ver-rückte Situationen aus. «Miet Warlop und ihre Company zaubern ohne Worte, ohne Handlung, allein mit einer surreal überdrehten Fantasie und quietschender Spiellaune einen […] beschwingten, artistischen Abend auf die Bühne ....» (FAZ am So) Ein Genuss für jedes Alter.

Ganzkörpereinsatz
Das Berliner Maxim Gorki Theater sorgt seit einem Jahr mit kultureller Vielfalt auf der Bühne für Furore. Sibylle Bergs Stück ‹Es sagt mir nichts, das sogenannte Draussen›, das aus Frauenoptik mit unseren gesellschaftlichen Wirklichkeiten abrechnet, passt perfekt an diesen Ort. Und als Koproduktion mit dem Jungen Theater gehört die Inszenierung von Sebastian Nübling auch nach Basel. «Mit der witzig-bösen Suada, die Berg einer aggressiven jungen Frau in den Mund legt, entfachen [die vier Darstellerinnen] ein Feuerwerk der Sprachnuancen bei Ganzkörpereinsatz ...» (Berliner Morgenpost)

Der zeitgenössische Tanz entdeckt gerade den Volkstanz. Und der französische Choreograf Christian Rizzo führt ihn in seiner Arbeit ‹D’après une histoire vraie› mit acht Tanzenden und zwei Schlagzeugern zu ekstatischen Momenten. Die Produktion riss das Publikum von Avignon bis Paris zu Begeisterungsstürmen hin.

Vom Strassentanz aus Abidjan erzählt die Performance ‹Logobi 05› des deutschen Kollektivs Gintersdorfer/Klassen, das den ivorischen Tänzer Franck Edmond Yao und den langjährigen Forsythe-Tänzer Richard Siegal zum Pas de deux zusammenbringt. «Der Logobi […] kennt keine Simulation. Er kommt von der Strasse, will hoch hinaus und muss sich sein Territorium noch erobern.» (SZ) Da wird Alltag höchst sinnlich jedesmal neu verhandelt.

Einblicke in den Iran
Einen kleinen Schwerpunkt setzt das Festival mit zwei Produktionen des iranischen Theatermachers Amir Reza Koohestani und seiner Mehr Theatre Group. Koohestani wurde 1978 geboren und veröffentlichte schon als Jugendlicher Prosatexte. Nach einem kurzen Versuch als Performer begann er 1999 mit dem Schreiben von Dramen. Mittlerweile hat er mehrfach im Ausland gearbeitet, seine Stücke wurden an zahlreichen internationalen Festivals gespielt.

Mit Tschechows ‹Iwanow› zeigt uns der Regisseur einen Menschen, der sich von der Welt zurückzieht und über Kopfhörer Englischkurse hört, um allenfalls auswandern zu können. Was die Inszenierung aber vor allem beschreibt, ist der Zustand des Iran. «Dieser Iwanow […] ist lebendige Stagnation. Der Antiheld ist hier nicht nur die Hauptfigur, er ist vielmehr ein Statement – das Sinnbild einer gesellschaftlichen Diagnose.» (Nachtkritik)

Mitten in eine von Repression bedrängte Gesellschaft führt Koohestanis Stück ‹Wo warst du am 8. Januar?› Da verliert der Soldat Ali sein Gewehr, und seine Freundin Fati probt Genets ‹Die Zofen›. Zahllose Telefonate setzen Mutmassungen in Gang, die beunruhigende Einblicke in totalitäre Mechanismen eröffnen. Theater wie es politischer nicht sein könnte. Eine Podiumsdiskussion ergänzt die beiden Produktionen. – Eine Vorschau auf weitere Vorstellungen im September folgt.

Theaterfestival Basel: Mi 27.8. bis So 7.9., Kaserne Basel → S. 36, Roxy, Theater Basel, Junges Theater und Stadtraum,
www.theaterfestival.ch
Ticketaktion bis Fr 4.7.: pro Vorstellung CHF 25/15

ProgrammZeitung 7-8/2014, S. 12

Highlights

Highlight 10/2014

Eine Friedenstifterin als Opernfigur

Der Gare du Nord startet mit dem Schwerpunkt ‹Frauen und Krieg›.

‹Lysistrata› (Foto: Mārtiņš Vilcēns)

Highlights

Highlight 10/2014

Fernöstliches im Fokus

Culturescapes lädt zu Begegnungen
mit japanischer Kultur ein.
Aki mit Koto (Foto: zVg)

Highlights

Highlight 10/2014

Industriekultur als Fleissarbeit

Stätten produktiven Schaffens.
‹Industriekultur in der Region Basel›
(Foto: Klaus Spechtenhauser)

Highlights

Highlight 9/2014

Willkommen im Jazzparadies!

Der neue Jazzcampus wird seiner Bestimmung übergeben
Jazzcampus (Foto: Kathrin Schulthess)

Highlights

Highlight 9/2014

Theaterspaziergänge
im Outernet

‹Portable Reality› beleuchtet
Theater- und Kunstwelten
‹Portable Reality› (Foto: c.a.p.e., Crew)

Highlights

Highlight 9/2014

Ein Fest für die Musik

Das Musikfestival ‹KlangBasel› präsentiert die Vielfalt des Basler Musiklebens
M & The Acid Monks (Foto: zVg)

Highlights

Highlight 7-8/2014

Huren, Heilige, Hochstapler
und Heroen

Der Verein Frauenstadtrundgang feiert sein Jubiläum mit Idealbildern.
Postkarten-Motiv

Highlights

Highlight 7-8/2014

Die Welt im Spiegel der Performance

Das Theaterfestival Basel lotet das Spektrum der Bühnenkunst aus
(Foto: W. Bergmann)

Highlights

Highlight 7-8/2014

‹Stimmen› im Aufbruch

Das Lörracher Festival entdeckt den Charme des Mainstream
Nneka (Foto: zVg)