‹Stimmen› im Aufbruch
Michael Baas
Das Lörracher Festival entdeckt den Charme des Mainstream
‹Stimmen› 2014 ist nicht mehr das Festival, das es vor vier, fünf Jahren noch war. Jünger und urbaner lauten zwei Begriffe, mit denen der im zweiten Jahrgang verantwortliche Leiter, Markus Muffler, sein Konzept gern umschreibt. «Ich sehe es auch als Aufgabe eines subventionierten Festivals an, dem Nachwuchs eine Plattform zu bieten, gerade in einer Zeit, in der kaum noch jemand von CD-Verkäufen leben kann», sagte er vergangenes Jahr im Rückblick auf seine Premiere. Entsprechend bietet die 21. Ausgabe auch jungen Talenten grosse Bühnen an – von der in Hamburg lebenden, aus Nigeria stammenden Nneka und dem Franzosen Charles Pasi über die 1988 geborene Norwegerin Thea Hjelmeland bis zum Shooting Star im reiferen Teenageralter, Ami Warning.
Westlich geprägt
Jenseits der Nachwuchsförderung und der wie stets populär programmierten Marktplatzkonzerte sind aktuell zwei weitere Linien auszumachen: einerseits die etwas ins Abseits geratene rebellische Tradition des Rock bis zum Protestsong, anderseits weibliche Stimmen. Für Erstere stehen der Brite Billy Bragg, dessen softer Countryfolk zur Zeitreise in die Sechzigerjahre einlädt, oder der HIV-Aktivist John Grant aus der US-amerikanischen Singer/Songwriter-Szene. Im Segment Frauenstimmen finden sich Anna Calvi mit ihrer hymnisch-dramatischen Bricolage zwischen Romantik, Art-Rock und Punk, die melancholische Camille O’Sullivan oder Alice Russel, die zwischen Elektrosoul und Britpop pendelt. Bei allen Unterschieden aber findet sich doch überall der Geist des popkulturell geformten Musikuniversums.
Dieses Mehr an angloamerikanischem Flair, diese Neugier auf westliche Jugendkultur bedeutet freilich auch ein Weniger – dessen, was ‹Stimmen› die ersten zwei Jahrzehnte auch auszeichnete: eine Bereitschaft zum musikalischen Experiment, die Begegnung mit Fremdem, der Mut zum ästhetisch fordernden, mitunter auch missratenden Grenzgang. Das fällt umso mehr auf, wenn ein Programm wie heuer stark angelehnt ist an den musikindustriellen Mainstream. Es mag aber auch noch dem Herantasten an eine eigene Handschrift geschuldet sein.
Neue Gefässe
‹Stimmen› ist jedenfalls wieder im Aufbruch – das zeigt sich auch im verschärften Modellieren der Strukturen: Das Festival ist dichter geworden, der Puls schlägt schneller und spürbarer. Dafür wurden Ränder beschnitten: Die Kooperation mit dem elsässischen Musikzentrum Les Domincains liegt – zumindest in diesem Jahr – auf Eis; auch die Open-Air-Konzerte im Wenkenpark, für Riehen einst der Grund, um an ‹Stimmen› anzudocken, wurden durch unverstärkte Konzerte in der Reithalle ersetzt. Der klassische Chorgesang mit grossen Ensembles – das zweite Mal in Folge nicht präsent – scheint gar definitiv abgesetzt. Markus Muffler jedenfalls fokussiert die Stimme als Grundidee auf ein übersichtlicheres Spektrum als der barocke Ansatz seines Vorgängers.
Einzig Baselland bleibt dem Credo treu, Grenzen transzendierende Projekte zu kreieren, etwa mit der Begegnung der Fado-Sängerin Carminho und der Basel Sinfonietta in Augusta Raurica (‹Noites Portuguesas›). Der Festivalleiter indes versucht, mit weiteren Gefässen neues Publikum zu gewinnen: ‹Stimmen on Tour›, die als Prolog vorgeschalteten Gastspiele an Orten im Kreis Lörrach, oder Aftershow-Partys im Burghof nach den Marktplatzkonzerten. Während andere Festivals heuer wegen der Fussball-WM pausieren, gehen ‹Stimmen› die Ideen noch nicht aus, erfindet sich das Festival gerade wieder neu.
21. Stimmen-Festival: Di 15.7. bis So 3.8., div. Orte → S. 30/31
www.stimmen.com
ProgrammZeitung 7-8/2014, S. 9


















